Brigitte Pidde: Heimbewohnerin (1962-1965) – Mitglied des VIJ – engagierte Frau

Gründungsaufgaben des Vereins: Heime für ortsfremde und ausländische junge Frauen
Mädchenpension – Jugendwohnheim – Heimat auf Zeit

Eine der wichtigsten Aufgaben nach dem Zweiten Weltkrieg war für den Verein die Unterbringung von ortsfremden und ausländischen jungen Frauen. Die Wohnungsnot war groß und die Zwangsbewirtschaftung sorgte für Wohnraum, aber nicht für junge Menschen, die unter 21 Jahren waren. Trotzdem kamen viele zur Ausbildung nach Stuttgart und suchten eine „Heimat auf Zeit“. Die Evangelische Jugendsozialarbeit / EJAD wurde ins Leben gerufen und mit dieser Hilfe wurden Heime gebaut und pädagogisches Personal durch Fortbildung und berufliche Begleitung geschult. Die Begleitung im Bereich Umbruch Schule / Beruf erhielt mit diesen Einrichtungen über Jahre einen hohen Stellenwert. Der Erwerb von Selbstbewusstsein, beruflicher Orientierung und Mobilität waren in der Nachkriegszeit wichtige Kompetenzen.

Der „Freundinnen-Verein“ hatte sein Haus in der Moserstraße 12 im Dritten Reich verloren und konnte mit staatlicher Hilfe 1952 sein Heim in der Moserstraße 10 wieder errichten. Das Heim bot 104 Mädchen in 2- bis 4-Bett-Zimmern Platz und beherbergte die Büros des Landesvereins der Bahnhofsmission und der Au-Pair-Vermittlung. Im Erdgeschoss war ein Kindergarten, und ein Mittagstisch für bis zu 80 Menschen aus den Büros der Umgebung wurde angeboten, was zur Ergänzung der notwendigen Eigenmittel beitrug.


Ein Zuhause gefunden
Brigitte Pidde zog als Brigitte Höflacher 1962 mit ihrer Schwester Gisela in die Moserstraße 10 in ein 4-Bett-Zimmer ein. Beide hatten einen Ausbildungsplatz bei der Stadt Stuttgart gefunden und waren froh über die ortsnahe Unterbringung. Sie waren lebendig, fröhlich und versuchten, ihren Lebensraum zu erobern. Mit 18 hatten sie das Glück, immer wieder einen Hausschlüssel zu erhalten, was den Vorteil einbrachte, nicht immer punkt 22 Uhr im Wohnheim sein zu müssen. Das Wohnen im 4-Bett-Zimmer war ein Lernfeld für Gemeinschaft und Konfliktbewältigung. So gab es Freundschaften, die oft bis zum Lebensende hielten. Trotz aller Regelungen bei 104 jungen Frauen erinnert sich Brigitte an Heimabende, Tanzfeste, die Weihnachtszeit mit Wichteln und das jährliche „Heimchen-Treffen“ im Advent, wo man dann schon auch mal seinen Bräutigam oder Mann vorstellte. Gerhard Pidde erinnert sich noch sehr genau, dass er nach der Kaffeezeit dieses Haus wieder verlassen musste. 
Und so sagte Brigitte Pidde, dass dieses „Heim“ für sie zur Heimat geworden ist. 
Mit 21 Jahren zog sie aus und arbeitete bei Daimler in der Direktion. 1970 wurde geheiratet. 

Etwas zurückgeben
Bald kam eine kleine Tochter zur Welt und Brigitte blieb zuhause. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war damals keine Option. Sie hatte im „Freundinnen-Verein“ viel Frauenengagement gesehen und daran wollte sie teilhaben und „etwas zurückgeben“. Dies erkannte die Vorsitzende Frau Ruth Braun (1958 – 1992) und machte Brigitte Pidde sofort zur Schriftführerin in ihrem Vorstand. Brigitte Pidde wurde Mitglied, besuchte den Mitgliedernachmittag und beteiligte sich am Bastelkreis und der Organisation für den Basar. Ihre besondere Spezialität war der Verkauf von gespendetem Schmuck. Sie erinnert sich gerne an eine Frau, die ihr bei einer Veranstaltung mit den Worten „den haben Sie mir verkauft!“ auf ihren Schmuck hinwies.

Von den Frauen viel gelernt…
Brigitte Pidde wurde vom Verein zu einem Seminar der Ev. Frauenarbeit Württemberg für „Nicht berufstätige Mütter mit ihren nicht schulpflichtigen Kindern“ nach Langenburg geschickt. Hierbei lernte sie die ganzen Möglichkeiten von Frauenengagement der Frauenarbeit und Erwachsenenbildung kennen. Brigitte Pidde besuchte Seminare und gab bald selbst Kurse zur Selbstverwirklichung und nahm andere ehrenamtliche Tätigkeiten auf, wie z.B. sechs Jahre Hospizdienst.

Brigitte Pidde war als junge Frau Bewohnerin, inzwischen ist seit über 40 Jahren Mitglied des VIJ Sie schätzt die Möglichkeit der Weiterentwicklung, das Engagement von Frauen für Frauen und die Weltoffenheit und Akzeptanz ausländischer Menschen.

Gespräch von Hanne Braun mit Brigitte Pidde, August 2021